Margarete Lisbeth Atzpodien verheiratete Schink

Am 9. Mai 1904 wurde meine Mutter Margarete Lisbeth als 3. Tochter des Arbeiters Karl Albert Atzpodien (Ordnungszahl 14) und dessen Ehefrau Anna Hedwig geborene Burschkat (Ordnungszahl 15) geboren. Der Geburtsort war Königsberg in Ostpreußen. Ihre in der Bülowstraße 6 wohnenden Eltern ließen sie zu einem nicht bekannten Zeitpunkt in der evangelisch-lutherischen Kirche in Königsberg-Sackheim taufen. Die Taufregister dieser Kirche sind nur bis einschließlich des Jahrganges 1800 im Evangelischen Zentralarchiv in Berlin vorhanden 1. Über den Verbleib der jüngeren Taufregister ist nichts bekannt.

Im Alter von nur 2 Wochen verlor meine Mutter ihren Vater am 24. Mai 1904 2. Er wurde Opfer eines Gewaltverbrechens. Der Hergang der Tat und der Verlauf des Schwurgerichtsprozesses gegen den Täter ist unter der Ordnungszahl 14 eingehend dargestellt.

Meine Mutter hatte Geschwister und Halbgeschwister:

--- Gertrud Burschkat, geboren vmtl. 1892 in Königsberg. Sie war von meiner Großmutter Anna geborene Burschkat mit in die Ehe gebracht worden. Sie ist verschollen. Meine Mutter glaubte zu wissen, daß ihre Halbschwester nach der Besetzung Ostpreußens durch die Rote Armee der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR – Sowjetunion) in Damerau, etwa 16 km nordöstlich von Königsberg gelegen, verstorben ist .

Auch ein früherer Bewohner Dameraus, den ich 1993 in Baden-Württemberg traf, berichtete, daß sie nach dem Kriege dort verstarb.

--- Paul Albert; geboren worden ist er in Königsberg.

--- Charlotte Luise, geboren 1902.

--- Ihr Halbbruder Bruno, geboren 1912, trägt nach seiner Adoption den Familiennamen Bludau. Bruno Bludau ist seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen.

Der Beginn der Volksschulzeit im Jahre 1910 fällt zusammen mit der Beseitigung des bis dahin erhalten gebliebenen inneren Gürtels der Festung Königsberg.

Aus ihren Erzählungen weiß ich, daß der Erste Weltkrieg, die Zeit von 1914 bis 1918, für sie eine Zeit der Entbehrungen, des Hungers war. So ist sie wohl einmal als Kind fast in den Pregel, den durch Königsberg fließenden schiffbaren Fluß, gefallen, nur um in der Fischerstadt an ein paar Fische zu kommen.

Bis zum Jahre 1918 besuchte sie in ihrer Geburtsstadt die Volksschule. Nach einer wahrheitsgemäßen Erklärung ihrer Schwester Charlotte 3 begann sie am 1. Oktober 1918 eine Lehrausbildung als Verkäuferin in der auf der Dominsel (Kneiphof) gelegenen Drei-Lilien-Drogerie von Adolf Wolff. Das nach ihren eigenen Angaben ausgestellte Arbeitsbuch der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) verneint eine Lehrabschlußprüfung; näheres ist nicht bekannt.

Nach dem Ende der Lehrausbildung, so die Erklärung der Schwester Charlotte, war meine Mutter bei dem früheren Lehrherrn noch bis zum Juli 1933 als Verkäuferin beschäftigt.

Im Alter von 29 Jahren heiratete meine Mutter in Königsberg am 19. August 1933 den Bauschlosser Walter Paul Schink (Ordnungszahl 6), ebenfalls 29 Jahre alt. Das Heiratsregister des Standesamtes Königsberg 2 liegt dem Standesamt 1 in Berlin, das die Register der früheren deutsche Ostgebiete verwaltet, nicht vor 4. Es ist verschollen. Weitere Urkunden können nicht beschafft werden.

Ihr erstes Kind bekamen meine Eltern 1934. Es erhielt die Namen Leonore Annemarie.

Die kirchliche Trauung der Eheleute fand am 9. September 1934 in der evangelisch-lutherischen Haberberg'schen Kirche in Königsberg statt.

Als 2. Kind wurde ich mit dem Vornamen Marianne 1937 in Königsberg geboren (Ordnungszahl 3).

Schließlich kam 1939 das jüngste Kind, mein Bruder Günter Joachim in Königsberg auf die Welt.

Ich weiß über die Zeit in Königsberg, daß meine Mutter im allgemeinen zu Hause bei uns Kindern war; abgesehen von einer zeitlich nicht näher festlegbaren Zeit der kriegsbedingten Dienstverpflichtung.

Im Jahre 1944, mein Vater war oft verreist, er befand sich beruflich auf Montage, verließ meine Mutter mit uns Kindern Königsberg. Wir zogen zu ihrer Halbschwester Gertrud verehelichte Topat in das bereits erwähnte Dorf Damerau, etwa 16 km nordöstlich von Königsberg gelegen.

Das war gut so. Bei dem zweiten großen Luftangriff britischer Kampfflugzeuge auf Königsberg in der Nacht vom 29. zum 30. August 1944 wurde unsere Wohnung in der Borchertstraße 23 im Stadtteil Haberberg getroffen und vollständig zerstört.

In der Preußischen Allgemeinen Zeitung/Ostpreußenblatt vom 28. 08. 1954, im Nachdruck auch in dem 1986 im Droste Verlag erschienenen Buch »Ostpreußen als die Bomben fielen« 5 kommt ein Augenzeuge zu Wort:

»Königsberg, 30. August 1944

0.05 Uhr: Nach zweistündigem Schlaf gellen die Luftschutzsirenen. Eiligst stürzt man in die Kleider. Schon ertönt aus dem Radio die erste Warnmeldung: "Starke Kampfverbände im Anflug von der Danziger Bucht." Jetzt wird es bitterernst.

. . .

8.20 Uhr: Wir haben unseren Anhänger losgekoppelt und wollen in die brennende Borchertstraße eindringen. Die Polizei erhebt Einspruch, die Feuerwehr schimpft, daß wir über die Schläuche fahren. Aber am Ende der Borchertstraße, gegen die Knochenstraße zu, steht eine Frau mit zwei Soldaten und winkt unaufhörlich.

Wir eilen zu den drei. Die Glut ist unerträglich, der Rauch erstickt einen fast. Wie ein Betrunkener torkelt man umher . . .« 6.

Später ist meine Mutter mit uns Kindern aus der Enge des Hauses von Gertrud Topat in das »Armenhaus« von Damerau umgezogen. Als die sowjetische Rote Armee immer näher in Richtung Königsberg vorrückte, riet der Bürgermeister von Damerau dringend zur Abreise in Richtung des Reichsinneren. Meine Mutter folgte diesem Rat. So trennte sie sich mit uns Kindern vorübergehend von unserem Vater, der in Königsberg blieb. Endstation der Reise war Glauchau in Sachsen.

Während des II. Weltkrieges und in der Nachkriegszeit war nicht nur der Kauf von Lebensmitteln einem Verteilungsschlüssel (Lebensmittelkarten) unterworfen. Auch die einfachsten Bedarfsgüter (Schuhe, Kochtöpfe etc.) standen nur in so einem geringen Maße zur Verfügung, daß sich ihre Verteilung an der Bedürftigkeit zu orientieren hatte. Bezugsscheine (vgl. Bezugsscheine) berechtigten zum Kauf des jeweiligen Gegenstandes, stellten jedoch keine Erwerbsgarantie dar. Sie waren ohne Wert, wenn die Ware selbst nicht zur Verfügung stand. Unsere Mutter Lisbeth besaß bei ihrer Ankunft in Glauchau im Herbst 1944 nur das für die Reise mögliche Handgepäck für sich und die Kinder. Sie zählte deshalb zu den besonders Bezugsberechtigten.

Insbesondere in der Zeit nach der Beendigung des Zweiten Weltkrieges ernährte unsere Mutter uns Kinder durch Arbeiten allgemeiner Art bei den sowjetischen Besatzungsstreitkräften.

Vom 26. Januar 1946 bis zum 31. Juli 1946 arbeitete sie bei einem Zahnarzt Menzel in Glauchau 7.

Die Familientrennung endete erst 1947, als mein Vater, aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft kommend, in Glauchau eintraf.

Glauchau blieb Lebensmittelpunkt.

In der Zeit vom 13. April 1953 bis zum 11. Januar 1959 war meine Mutter erneut berufstätig. Sie war in der in Glauchau angesiedelten Abteilung Fleischsalate - Mayonnaisen der Konsum-Fleischwarenfabrik Meerane als Arbeiterin beschäftigt 8.

Nach einem Herzinfarkt im Jahre 1977 erholte sich meine Mutter Margarete Lisbeth nicht mehr. Im Alter von 74 Jahren verstarb sie in Glauchau am 28. Juli 1978 12.20 Uhr an Krebs. Die kirchliche Trauerfeier der evangelisch-lutherischen freikirchlichen Gemeinde Zum Heiligen Kreuz und die Beerdigung fanden am 2. August 1978 11.15 Uhr auf dem städtischen Friedhof zu Glauchau statt.

Marianne Pötzsch geb. Schink - 11. 04. 2001
 

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